Als ich sagte, dass es schwer ist etwas über Yvonne Smink in Erfahrung zu bringen, da hatte ich noch nicht versucht Informationen über Heidi Coker heraus zu bekommen. Tatsächlich habe ich nur eine kleine Mini-Biografie über Heidi finden können. Demnach begann Heidi 2009 mit dem Pole Sport und wurde 2013 Pole Art Champion. Bis zu ihrem 21. Lebensjahr hat Heidi geturnt und gehört somit zu der Sorte Pole Sportlerinnen, vor der wir in neidloser Anerkennung den Hut ziehen.

Ich habe Anfang dieses Jahres einen Workshop bei Heidi besucht und war hin und weg. Sie ist die kleinste Pole Sportlerin, die ich bisher getroffen habe und eine der imposantesten. Ich empfinde tiefe Bewunderung, wie Heidi, wie ein Flummi, an die Stange springt, sich dreht, kreist und flippt. Akrobatik wird von Heidi ganz neu definiert. An ihrem Workshop hatte mir damals gefallen, dass Heidi trotz ihres großen Talentes sich sehr gut in uns ‚Normalsterbliche‘ hineinversetzen konnte. Sie hat mir wirklich essentielle Inspirationen mit auf den Weg gegeben. Also danke, Heidi, dass dir für uns Zeit nimmst.

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  1. Heidi, gegeben der Umstände, verrate uns doch ein kleines Geheimnis über dich.

Ein kleines Geheimnis … hm …. Ich kämpfe mit großen Selbstzweifeln und mangelndem Vertrauen in meine Fähigkeiten. Dieser Kampf begleitet mich bereits mein ganzes Leben. Als Turnerin war ich bei einem Hypnose-Therapeuten, um die negativen Gedanken über mein Können zu überwinden, doch es dauerte Jahre bis ich an einem Punkt angekommen war, an welchem ich mich mit mir selbst wohlfühlen konnte. Und fehlendes Selbstvertrauen ist ein echtes Problem in Performance-Kunst!! Als ich an meinen ersten internationalen Pole Wettbewerben teilnahm, kroch das mangelnde Selbstvertrauen langsam in mein Leben zurück. Für mich ist es eine ständige Herausforderung mich auf die Bühne zu begeben und beurteilt zu werden. Ich arbeite sehr hart daran mich zu akzeptieren und der Welt mein wahres-Ich zu offenbaren … und auch zu akzeptieren, dass nicht jeder meine Kunst mag. War das zu tiefsinnig? Haha!

  1. Wie genau bist du zum Pole gekommen und was war vorher deine Disziplin im Turnen. Bist du auf Vorurteile gestoßen als du deine Gymnastikkarriere gegen Pole eingetauscht hast?

Ich sah Sheila Kelley bei der Oprah Show im Fernsehen ein bisschen Pole vorführen. Sie sprach darüber wie der Sport ihr Selbstvertrauen als Frau stärkte und wie sie in der absolut besten körperlichen Verfassung sei. Ich wollte das auch! Es dauerte allerdings ein paar Jahre bis ich den Mut hatte tatsächlich an einer Pole Stunde teilzunehmen. Natürlich war ich nach meiner ersten Stunde sofort süchtig. Ich mag es auch in High Heels tanzen und sexy zu sein, aber mein Pole Stil war schon immer etwas artsy.

Als Turnerin war ich in der Kategorie ‚Internationale Elite‘. Das bedeutet, dass ich an internationalen Wettkämpfen teilnahm und auch im Fernsehen übertragen wurde. Ich trat am Sprungtisch, Balken, Barren und Boden an. Auch im College nahm in noch an Wettkämpfen teil. Mit 21 Jahren dann beendete ich meine Gymnastik-Karriere und Pole begann ich erst mit 31. Es liegen also 10 Jahre zwischen diesen beiden Sportarten. Das einzige Vorurteil auf das ich stoße, ist die allgemeine Unkenntnis über unseren Sport. Ich denke aber, dass wir alle schon solche Menschen getroffen, die denken, dass alle Pole Tänzer Stripper sind. Die meisten verstehen aber auch schnell nachdem sie ein Video sehen, dass was wir tun näher am Zirkus als am Strippen ist.

  1. Ich habe das Video von deinem Papa und dir auf Facebook gesehen. Ihr seid wirklich niedlich und scheint ein sehr eingespieltes Team. Wie trainierst du üblicherweise und ist dein Papa ein fester Bestandteil deines Trainings?

Oh ja, das Video wo mein Papa mich spottet ist lustig. Mein Vater war Schwimmtrainer und wurde später Turntrainer. Mich hat er im Turnen allerdings nie trainiert. Als ich begann schwierigere Pole Figuren zu trainieren, die risikoreicher sind, bat ich ihn allerdings um Hilfe. Er kennt die richtigen Griffe, um mich sicher zu spotten. Ich zeige ihm ein Video, wir sprechen die Bewegungen durch und dann versuchen wir es zusammen. Um genau zu sein, hat er mich aber eigentlich nur ein paar Mal gespottet.

Als er die Polefiguren sah, die ich so trainierte, hat er mir eine spezielle Matte gebastelt, die die gleiche Qualität hat, wie die Gymnastikmatten. Die nutze ich nun für mein Training. Wenn es also ernst wird oder ich Angst habe allein zu trainieren, dann rufe ich Papa an. In der Regel jedoch trainiere ich für mich allein.

Dank meines Gymnastik Hintergrunds kann ich Figuren aufsplitten und erst einmal in Abschnitten sicher trainieren. Ein gutes Körperbewusstsein ist sehr wichtig. Sobald ich den Ablauf einer Figur verinnerlicht habe, kann ich auch die Geschwindigkeit erhöhen oder die Figur aggressiver ausführen. So ist es sicher alle Figuren allein auszuführen…meist jedenfalls :)

  1. Du postest auch Videos, auf denen man sieht wie du abstürzt oder eine schwächere Seite hast. Bist du der Meinung, dass es deine Aufgabe als Profi ist, ein reales Bild deines Trainings zu zeigen? Fühlst du dich verantwortlich?

Ehrlich gesagt kämpfe mit Social Media. Es ist ein fester Bestanteil, um unsere Pole-Community mit der Welt zu teilen. Neue Figuren, neue Künstler, neue Combos … aber es ist auch nur eine kurze Momentaufnahme unseres Erfolges. Was du nicht siehst, sind all die verpatzten Versuche, die Misserfolge und die Herausforderung. Der Großteil meines Trainings besteht im Ausprobieren und darin Fehler zu machen. Ich bin nicht perfekt. Mein Training ist meist chaotisch. Aber du siehst nicht was passiert, während wir trainieren. Ich zeige gern, dass ich auch Probleme habe. Ich bin nicht anders als du. Ich falle, vermassle etwas, bin manchmal frustriert und unmotiviert, unkreativ – was auch immer … Also poste ich gern auch mal meine Fehler und Anstrengungen. Ich weiß, dass wenn ich Videos von anderen Pole Dancern und all den erstaunlichen Tricks, die sie tun, sehe, dann werde ich manchmal richtig deprimiert. Früher haben wir die Videos verwendet, um zu zeigen, wie wir tanzen, die Musik genießen und einfach unsere Kunst zum Ausdruck bringen wollten. Jetzt ist es nur ein Trick nach dem anderen. Ich fühle mich für meine Videos und meine Zuschauer verantwortlich! Ich will, dass ihr inspiriert, ermutigt, begeistert werdet und vielleicht kann ich euch zum Lachen bringen, auch wenn es auf meine Kosten ist.

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  1. Du bist ja bereits sehr viel aufgetreten und hast große Bühnenerfahrung. Bist du trotzdem noch nervös? Wie bekämpfst du deine Angst vor Aufführungen? Gibt es mentale Tricks?

Ich habe bereits eine Menge Bühnenerfahrung, doch es ist immer noch nervenaufreibend für mich. Ich bin immer nervös! In der Regel kann ich den Tag vor meinem Wettkampf kaum atmen. Schon wenn ich aufwache liegen meine Nerven blank. Sobald ich allerdings in das Theater komme, bin ich in der Regel etwas ruhiger. Ich glaube aber nicht, dass meine Nervosität jemals ganz weggeht. Als ich anfing an Wettkämpfen teilzunehmen und Aufzuführen war ich am meisten damit beschäftigt, dass die Zuschauer mich und meine Leistung mögen. Das hat natürlich noch mehr Druck auf mich ausgeübt und mich mehr in Angst versetzt. Jetzt versuche ich vorallem den Moment zu genießen und mich auf die Bühne zu konzentrieren. Ich lasse das Publikum an der Routine teilnehmen und die 3 Minuten mit mir zu teilen. Ich möchte eine Verbindung herstellen und hoffe, dass das Publikum das fühlen kann. Ich versuche tiefe Atemzüge zu machen und so entspannt zu bleiben wie möglich. Vor der Routine versuche ich anhand von mentaler Visualisierung die Routine noch einmal im Kopf durchzugehen. Aber ich versuche nicht besessen darüber nach zu denken, was alles schief gehen könnte. Aufführungen leben. Man weiß nie, was passieren könnte, sodass man nur versuchen kann sich auf alles vorzubereiten und auf das Beste hoffen.

  1. Was ist/war dein liebster Pole Moment? Was ist deine eigene Lieblingschoreografie oder schaust du dich nicht an?

Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich einen Lieblingsmoment habe. Natürlich war die Pole Art zu gewinnen ein ganz besonderer Moment für mich, aber auch so unerwartet, dass ich schwerlich ein anderes Gefühl als Schock beschreiben kann. Meine Lieblings-Choreo sind beide meiner Pole Art Auftritte, sowie Aerial All Stars in Australien und meine letzte Performance in der Vertical Arts Show. Sie sind meine Lieblingsauftritte, weil ich finde, dass ich hier das Risiko eingegangen bin aufrichtig zu sein und den Pole Stil zeige, den ich liebe. Meine Leistungen sind nicht perfekt, aber sie haben mir ein Gefühl persönlicher Entfaltung gegeben. Ich habe ein paar Auftritte, die ich mir nicht wieder angesehen habe. Vielleicht weil etwas schief gegangen ist, oder ich so nervös war, was andere über mich denken, dass ich nicht im Augenblick gelebt habe. Die Choreografien wieder anzuschauen würde all diese Gefühle wieder hoch holen.

  1. Ich habe mich in deinen Stil bei der Pink Panther Performance verliebt. Für mich ist das eine der schönsten Choreografien, die ich je gesehen habe, weil ich einfach unglaublich finde, wie perfekt jede einzelne Bewegung bei dir sitzt. Mir ist auch erst überhaupt nicht aufgefallen, dass du kurz vor Schluss abgerutscht bist. Wie gehst du mit Enttäuschungen um? Was ist dein Trick um auch während der Choreografie den Kopf nicht zu verlieren?

Danke!! Weißt du diese Choreografie hat mir eine Menge Spaß gemacht. Ich wusste, dass der Wettbewerb sehr ernst werden würde mit viel ernster Musik und Themen. Ich wollte einfach etwas Spaß und Albernheit darein bringen. Ich wusste, dass es ein Risiko war, aber das war mir egal. Ich wollte einfach nur die Zuschauer zum Lachen bringen und Sie die Albernheit genießen lassen! Es war furchtbar enttäuschend ganz am Ende der Routine zu fallen. Als Turnerin, wenn du fällst stehst du wieder auf und hälst durch bis zum Ende. Du versuchst deine Haltung zu bewahren und alle kleinen Fehler oder Probleme zu vertuschen. Im Pole ist es das Selbe. Keiner kennt die Routine außer dir. Also, wenn etwas verpatzt oder Dinge sich ändern, dann musst du so tun, als hätte es immer so sein sollen. Solange du auf der Bühne bist, lässt du das Publikum niemals die Fehler an deinem Gesicht erkennen. Ich kann euch nicht sagen, wie oft sich meine Choreo in der Mitte geändert hat. Meine Aufgabe ist es weiterzumachen und nie zu zeigen, dass ich durcheinander gekommen bin, etwas vergessen habe oder enttäuscht bin. Hinter der Bühne kannst du weinen, dich aufregen, lachen, was auch immer – aber nicht AUF der Bühne. Ich erinnere mich, dass ich nach der Bühne dem Publikum ein Ich hab mein Bestes gegeben – wir machen alle Fehler– Schulterzucken und Lächeln gegeben habe. Als ein paar Minuten später hinter der Bühne der Schock nachließ, weinte ich. Und nicht weil ich keinen Platzierung erreicht oder gar gewonnen hatte, sondern weil ich von allem so überwältig und müde war. Der innerliche Druck, der sich in mir aufgebaut hatte, wurde auf einmal freigegeben. Wir sind alle nur Menschen, wir machen Fehler…. Und manchmal passieren sie auf einer großen Bühne und sind für alle sichtbar.

  1. Du bist ja die Queen des Handstandes. Welche Anweisungen gibst du jemandem, der Handstand lernen will?

Tzzzz! Samantha Star ist die Königin des Handstands. Ich mache das hauptsächlich um Spaß zu haben. Ich habe viele Menschen getroffen, die Angst davor haben Handstand zu machen und Kopfüber zu gehen. Ich würde vorschlagen auf jeden Fall langsam zu beginnen und sich Zeit zu nehmen. Dein Ziel sollte es sein sich wohl zu fühlen und dir deines Körpers bewusst zu sein, sodass du den Handstand sicher kontrollieren kannst. Es gibt verschiedene Techniken um Handstand zu erlernen und sie haben alle Vorteile. Du solltest nur sicher sein genügend Kraft in den Schultern, Unterarmen, der Körpermitte und den Handgelenken aufzubauen. Spanne die Muskeln bewusst an. Das ist das Geheimnis, um einen Handstand auszubalancieren. Wichtig ist ebenfalls die Finger zu verwenden. Genau wie die Zehen deinen Stand mit den Füßen ausgleichen, müssen deine Finger arbeiten, damit du im Handstand dein Gleichgewicht halten kannst.

  1. Was denkst du ist ein guter Sport zur Unterstützung des Pole Trainings oder bist du der Meinung – Pole ganz oder gar nicht?

Ich denke Cross-Training ist wichtig und ich wünschte ich hätte mehr davon. Pole kann sehr hart für deinen Körper sein. Suche nach anderen Möglichkeiten, um deine Muskeln und dein Körperbewusstsein zu stärken. Ich liebe es mein Training mit Capoeira, Yoga, Hand-Balancing, allgemeine Workouts, Breakdance und alles, was meinen Körper herausfordert, zu ergänzen. Aber so, wie ich denke, dass Cross-Training wichtig und nützlich ist, so ist auch Ruhe. Das war eine der größten Herausforderungen für mich. Wir wollen immer schwierigere Sachen machen, maximal an unsere Grenzen gehen, mehr machen. Aber es ist wichtig zu lernen sich auch mal Zeit zu nehmen. In meinem Falle sind es nur wenige, aber Off Tage sind für deinen Körper und Geist ganz genauso wichtig. Außerdem, zu viel von etwas kann langweilig werden, anstrengend oder die Kreativität ersticken. Also, mix it up.

  1. Und eine letzte Frage: Was ist dein Pole Motto?

Meine Pole Motto? Sei du. Wir sind so unterschiedliche Menschen und Künstler. Versuche nicht jemanden zu kopieren, sei dir immer selbst treu und versuche dies der Welt zu zeigen. Es ist okay unterschiedlich zu sein. Glaube an dich selbst, hab Spaß, sei kreativ und im Einklang mit dir selbst. Es ist OK Fehler zu machen <3

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(alle Fotos von Tuula Ylikorpi)