Für die ambitionierte Pole Sportlerin hört das Training ja keineswegs außerhalb des Polestangen-Radius auf. Nein, wer es wirklich zu etwas bringen möchte, kombiniert sein Pole Training mit Kraft-, Tanz-, Akrobatik- und Stretchingeinheiten. Auch ich habe frühzeitig erkannt, dass mein Spagatwinkel von 90° vermutlich nicht ausreicht, um es bei all den verrückten Pole Tricks da draußen zu etwas zu bringen. Und mit dieser Erkenntnis begann mein ewiger Kampf mit meiner Flexibilität.

Noch im Mai letzten Jahres habe ich das Dehnen verflucht. Dehnen tat mir weh. Dehnen war mir unangenehm. Dehnen hat mich gelangweilt. Ich habe mich nur gedehnt, weil ich endlich den Spagat schaffen wollte und es hat auch nicht lange gedauert bis Dehnen zum Kampf gegen mich wurde. Ich habe angefangen mir einzubilden, dass meine Muskeln besonders hart und verkürzt sind. Ich habe von mir behauptet, dass ich besonders ungelenkig sei und mit meinem Körper gehadert, weil einfach keine Fortschritte erkennbar wurden. Wenn ich am Stretching Unterricht teilnahm, hätte ich immer am liebsten geweint. Alle wurden besser und bei mir tat sich überhaupt nichts. Alle gingen aus der Stunde und waren begeistert wie entspannt und lang gezogen sie sich fühlten. Ich fühlte mich als wäre ich gerade aus dem Boxring gestiegen. Ein kleiner Teil von mir wusste, dass ich mich weder kontinuierlich, noch strukturiert stretchte, aber es war einfacher das Dehnen und meinen ‚ungelenkigen‘ Körper zu verachten. Meinen Tiefpunkt erreichte, als ich mich bei einer jener Stretching Stunden erwischte, wie meine Lehrerin mich nach vorn drückte und ich die Hände in den Boden stämmte, um mit aller Kraft gegenzuhalten. „Lydia“, habe ich gedacht, „du zahlst hier gerade allen Ernstes XY€ für eine Stretching Stunde, um dann mit aller Kraft gegen zu halten“ und mir ist klar geworden, dass es so nicht weiter geht.

Yvette Dusol_1

Yvette Dusol by David J. Harrison Photography

Anerkennung: Als erstes habe ich akzeptiert, dass in meinem derzeitigen Gemütszustand Stretching Stunden in großen Gruppen nicht das Richtige sind und bin ausgetreten. Ich habe mir versprochen, dass ich mich ab jetzt kontinuierlich dehne, aber alleine, Zuhause und in meinem Tempo. Ich musste unbedingt den Druck von mir nehmen. Stretching Unterricht funktioniert gewiss für viele gut und ist gerade Anfängern sehr zu raten, aber ich hatte mich in eine Mischung aus Flexibilitätsneid, Selbst-Ablehnung, und totalen Stress manövriert, die es mir unmöglich machte, die Stunden für mich effektiv zu nutzen. Zuhause ist es mir egal, wie nah ich das Bein an den Kopf bekomme, da ich keinen direkten Vergleich habe, wie nah ich es ranbekommen könnte. Zuhause war ich nicht die schlechteste in der Gruppe und ich konnte mir so viel Zeit nehmen, wie ich brauchte. 

Mut zur Individualität: Dann habe ich mich intensiv mit diversen Stretching Methoden auseinander gesetzt. Ich war schon immer ein großer Fan von Kristina Nekyia (Fit&Bendy), aber auch StretchIt.tv und die Webseite Hybridperspective haben mir sehr geholfen. Ich habe alle möglichen Stretches ausprobiert und mir ein Programm zusammen gestellt mit Übungen, die ich aushalte und in denen ich mich sogar wohl fühle. Für mich beispielsweise funktioniert statisches Stretching überhaupt nicht und noch weniger Stretching, wo mich jemand drückt. Ich bin ein ängstlicher Mensch und habe auch eine relativ niedrige Schmerzgrenze. Wenn ich Schmerz aushalten soll, bekomme ich schnell Panik und muss abbrechen. Mir tut es deswegen gut mich ständig während des Stretches zu bewegen, sei es durch Anspannung/Lösung, Flexen/Strecken von Fußspitzen, Rotation oder Hüftbewegungen. Ich komme auch besser damit zurecht immer wieder in die Dehnung rein- und rauszugehen. Meine Eigenheiten zu akzeptieren und mir ein individuelles Stretchingprogramm zusammen zustellen war ein Riesenschritt in die richtige Richtung für mich. Wenn du also mit einem gewissen Stretch oder einer Methode nicht weiterkommst, dann habe den Mut Schluss zu machen und deinen eigenen Weg zu gehen. Es liegt nicht daran, dass dein Körper unwillig ist, aber es ist einfach nicht dein Weg zum Ziel. Das ist ok.

Ein Plan: Als nächstes habe ich mir Aufwärmübungen zusammen gestellt, die speziell meine Problemzonen angehen und mich zu meinen Stretchingzielen führen. Meine Prioritäten sind immer noch meine Beine, also habe ich mir spezielle Kraftübungen für meine Oberschenkel-, Po- und Hüftmuskulatur heraus gesucht, die ich vor jeder Stretchingeinheit absolviere. Ich fühle mich sicherer mit dem Gewissen, dass ich gut aufgewärmt bin und traue mich tiefer in die Dehnung zu gehen. Außerdem ist es auch psychisch so, dass ich, dass Gefühl habe bereits mit meinem Aufwärmprogramm auf meine Ziele hinzuarbeiten und meine aktive Flexibilität auszubauen.

Entspannung: Als letztes habe ich endlich gelernt während der Dehnung zu atmen und zu entspannen. Bevor ich mit meiner Stretchingeinheit beginne, versuche ich immer kurz zur Ruhe zu kommen und mich zu entspannen. Ich atme tief ich den Bauch, ruhig und entspannt. Mit jedem Ausatmen versuche ich tiefer in die Dehnung zu gehen, bei jedem Einatmen genieße ich die Intensivierung der Dehnung. Wenn ich beim Stretching an meine Grenzen komme, dann atme ich bewusst ruhig weiter. Anstatt wild an meinen Muskeln zu reißen und frustriert gegen meinen Körper zu arbeiten, habe ich nun das Gefühl, dass ich endlich mit meinem Körper kommunizieren kann. Jeder Atemzug ist ein Argument für meine Muskeln weiter nachzugeben. Kristina Nekyia hat einmal so schön formuliert:

Unsere Muskeln sind wie kleine Tierchen, die Angst und Traumata haben und die denken, dass sie die einzigen sind, die den Körper noch zusammen halten. Du musst sie überzeugen loszulassen.

Und ich habe auf die harte Tour gelernt, dass das nur geht, wenn sie dir vertrauen.

Positive Einstellung: Ich befinde mich nun endlich (nach beinahe 4 Jahren) an einem Punkt, wo ich Dehnung genießen kann und mich richtiggehend darauf freue. Wenn ich abends fern sehe, dann stretche ich mich dazu und ich nehme mir gern Zeit mich zu dehnen. Meine ganze Einstellung zum Dehnen hat sich geändert. Dehnen ist nicht mehr etwas, was ich können will und was mein Körper mir verwehrt, sondern etwas, dass ich für meinen Körper tue. Ich dehne mich nicht mehr, um Spagat oder die Brück oder was auch immer zu erreichen, sondern um meinem Körper zu mehr Wohlbefinden und mehr Bewegungsfreiraum zu verhelfen. Ich dehne mich, weil es mir gut tut, wenn ich mich steif fühle und weil es mich entspannt. Wenn ich mich jetzt dehne, dann arbeite ich mit meinem Körper, bin dankbar und stolz.

Yvette Dusol_3

Yvette Dusol by David J. Harrison Photography

(Alle Bilder mit Yvette Dusol, Miss Pole Dance UK 2014 – Kontorsionistin, Aerialistin, Pole Tänzerin. Schau dir ihr atemberaubendes Facebook Profil an.)

Was ist deine Erfahrung mit Stretching? Was sind deine größten Probleme beim Stretching und konntest du sie lösen? Was ist deine Methode und wie lange hast du gebraucht, um dich wohl zu fühlen?

Melde dich hier für den Newsletter an, denn diesen Monat verschicke ich als exklusives Video mein 15 min Aufwärm- und Aufbauprogramm für Längs- und Querspagat.