Wenn ich Nadia Sharif in zwei Worten beschreiben müsste, denke ich ‚lustig‘ und ‚wild‘. Dabei kenne ich sie überhaupt nicht persönlich. Doch Nadia’s Choreographien wirken immer leicht und als hätte sie den größten Spaß auf der Bühne. Nadia nimmt sich selbst nicht zu ernst. Sie trägt High Heels, die höher scheinen als sie selbst, wilde Frisuren und exotische Outfits. Ihr Pole Stil ist von unterschiedlichsten Sportarten beeinflusst und wehrt sich strikt gegen eine Schublade.

Nadia Sharif hat 2007 mit Pole Dance begonnen, nachdem sie Felix Cane bei YouTube sah. Bereits 6 Monate später nahm Nadia an ihrem ersten Pole Wettbewerb teil. Sie hat ihn zwar nicht gewonnen, wurde danach allerdings direkt als Pole Lehrer angeheuert. Bis heute hat Nadia bei unzähligen Meisterschaften den Titel davon getragen und ist stolze Brand Ambassadorin von Bad Kitty.

In unserem Interview hat Nadia uns 11 Fragen beantwortet und erzählt unter anderem warum man kein Selbstbewusstsein braucht, um die Bühne zu rocken, was ihr größtes Missgeschick auf der Bühne war, das niemand gesehen hat, und wie man sich einen Pole Trick mit reiner Physik ausdenkt. Viel Spaß beim Lesen!

Nadia

  1. Nadia, du scheinst wirklich keine Angst vor der Bühne zu haben. Wie kommt es, dass du nach nur 6 Monaten Pole Training dich bereits entschieden hast an einem Wettbewerb teilzunehmen?

Ich habe es immer geliebt auf der Bühne zu sein! Jeder Art von Bühne – auch wenn es keine richtige Bühne mit Lichtinstallation usw. ist, sondern nur das Wohnzimmer. Ich mag es von Menschen gesehen zu werden. Ich beschloss nach nur 6 Monaten an einem Pole Wettkampf teilzunehmen, weil ich nichts zu verlieren hatte. Ich wollte mich irgendwie, in die Poleszene schmeißen. Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits im Jumbo Clown Room, einer Bikini-Bar in Hollywood, die immer noch mein liebster Platz auf Erden ist und ich war es also gewohnt, dass Leute mich ansehen, ohne dass ich sofort ausflippe. Wenn ich Angst vor der Bühne habe, dann eher heute, weil ich das Gefühl habe, dass die Menschen etwas Verrücktes von mir erwarten.

  1. Braucht man Selbstbewusstsein, um die Bühne zu erobern? Wie bereitest du dich auf einen Wettbewerb oder eine öffentliche Aufführung im Allgemeinen vor?

Ich denke nicht, dass man im Alltag super selbstbewusst sein muss, um es auf der Bühne zu etwas zu bringen. Ich glaube, dass wir jemand anderes auf der Bühne sind und ich würde sagen, dass du dir am besten ein selbstbewusstes Alter Ego zulegst. Ich bereite mich für öffentliche Auftritte vor, indem ich versuche möglichst viel zu üben, damit ich dann beim Auftritt nicht mehr nachdenken muss und meine Performance einfach erleben kann. Was die Vorbereitung angeht bin ich ein Freak und wie besessen. Die Vorbereitungen halten mich nachts wach und überdenke sie immer und immer wieder. Erst wenn ich mit dem Rücken wirklich zur Wand stehe, kann ich etwas erschaffen. Ich kann dieses Vorgehen natürlich nicht für jede Performance behaupten, die ich je gemacht habe. Manchmal musste ich auch einfach improvisieren, da ich eine Menge toure und reise und dann nicht so viel trainieren kann, wie ich gern würde. Aber wenn etwas wirklich Großes ansteht, dann strukturiere ich meinen ganzen Terminplan so, dass ich trainieren kann. Wie für Miss Pole Dance America jetzt beispielsweise.

  1. Ist dir jemals ein Missgeschick passiert, dass keiner mitbekommen hat? Was war es und wie bist du damit umgegangen?

Hahaha, ich werde nie dieses eine Mal vergessen. Ich habe am USPDF Wettbewerb teilgenommen und hatte wie verrückt meine Choreografie geübt. Während des Wettbewerbs habe ich aber auf einmal völlig meinen Signature Trick verpasst, Elbow Grip to Cup Grip Handspring, was ich den Chinese Pop nenne. Das war mir zuvor noch nie passiert (und ist auch danach nie wieder vorgekommen). Ich war völlig schockiert als meine Füße plötzlich auf dem Boden waren, habe ein Poker Face aufgesetzt, mich auf die Musik konzentriert und einen anderen Signature Trick gemacht, als wäre nichts passiert. Es ist schon aufgefallen, aber es hat niemanden so gestört wie mich.

  1. Dein Einstieg in die Pole Dance Welt ist einfach unglaublich und auch ein bisschen beängstigend. Du hast dir eine Stange bei IKEA gekauft, die keine Pole war und dann nach YouTube trainiert. Wenn ich mal zurück denke, wie ich am Anfang trainiert habe, bin ich auch froh, dass ich noch am Leben bin (und in der Lage zu laufen). Was ist eines der schlimmsten Sachen, die du damals gemacht hast, die dich in Retrospektive erschauern lassen?

Die Liste ist endlos, aber am schlimmsten waren meine Klettertechniken. Ich wusste überhaupt nicht, wie man die Beine richtig einsetzt. Ich habe mich auch lange geweigert Leg Hangs zu machen und gerade mal einen Butterfly gemacht. Schreckliche Verlängerungen, keine gestreckten Füßen, kein sauberer Aufgang. Wow, ich meine es war eigentlich totales Chaos!

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  1. Als Pole Trainerin, was sind die häufigsten Fehler, die deine Pole Schüler so tun und was rätst du ihnen immer?

Ich sehe eine Menge Schüler aller Level und überall auf der Welt und der größte Fehler ist immer, dass sie durch Tricks hetzen, bevor sie die volle saubere Ausführung beherrschen. Sie achten nicht auf vollständige Streckung, natürliche Rotation und verbringen keine Zeit damit erstmal die Grundlagen zu beherrschen, bevor sie verrückte Tricks anfangen. Ich gebe diesen Schülern dann immer Beispiele von Pole Grundtricks, die immer noch durch irre Vorbilder wie Marlo Fisken oder Oona Kivela ausgeführt werden. Um nur ein paar zu nennen, step around oder around the world. Diese Grundlagen sind eine Notwendigkeit und trennen eine gute Pole Tänzerin von einer großartigen. Ich bringe auch gern Szenarien auf, wie beispielsweise: Du bist mit allen deinen Freunden auf dem Weg zu einer Bar und ihr seht eine Pole. Deine Freunde wissen, dass du Pole Unterricht nimmst und bitten dich etwas zu zeigen. Was würdest du tun? Den verrückten, harten Move, den du kaum beherrschst? Du hast keine trockenen Hände und eine Menge Kleidung an. Also tanze einfach. Einfach Schritte, eine Drehung vielleicht, wenn dir danach ist, vielleicht ein sauberer Invert und dann langsam auf die Erde rutschen, aber mit Stil und Grazie.

  1. Du bist für deine unglaublich hohen Absätzen bekannt. Wie können wir lernen auf so hohen Schuhe zu laufen, zu Pole Dancen und uns darauf vielleicht eines Tages sogar gut und sicher zu fühlen? Gibt es einen Trick, den du nie auf High Heels wagen würdest?

Die High Heels sind nur beängstigend auf dem Boden. Darauf zu laufen ist bei weitem das Schrecklichste, was ich darin tue. Sobald du an der Pole bist, sind deine High Heels nur noch ein bisschen extra Gewicht, also betrachte es einfach als Kraftaufbauübung. Ich weiß eigentlich nicht, ob ich mich wirklich wohl und sicher in High Heels fühle, aber sie werden weniger gruselig im Laufe der Zeit. Sie sind ziemlich gefährlich und schwierig, aber machen auch so viel Spaß, haha!

  1. Du hast gesagt, dass du den Chinese Phoenix durch reine Physik entwickelt hast. Wie genau können wir uns das vorstellen? Hast du buchstäblich am Tisch gesessen und dir den Trick ausgedacht und wie stellst du sicher, dass deine Kreativität immer weiter fließt?

Ich war tatsächlich auf dem Weg ins Studio und wollte unbedingt einen Phoenix schaffen, aber im Twisted Grip habe ich mich sehr unwohl gefühlt. Ich liebe Cup Grip Handsprings, aber es gab noch keinen Phoenix dafür. Ich war auch nicht wirklich stark genug, um in meinen Cup Grip zu Dealiften, also suchte ich nach einer Möglichkeit, wie ich mich spinnen musste, um meinen Po hochzubekommen. Ich wusste nicht, ob es funktionieren würde, die Hand in der Mitte der Spins zu droppen und ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Ich wusste nur, dass ich schnell sein musste und Spannung bewaren. Ich ging also ins Studio und erzählte meiner Trainerin von der Idee. Sie sagte: Ich weiß nicht, was den Hand Drop angeht – aber ich entschloss mich, es einfach mal zu versuchen und es funktionierte buchstäblich bereits beim ersten Mal. Das ist wahrscheinlich das einzige Mal, dass ein Trick, tatsächlich beim ersten Versuch funktioniert hat wie er sollte. Es gab eine Zeit, in der ich viele einzigartige Tricks erfunden habe. Ich denke, das kommt daher, dass ich mir vieles selbst beigebracht und viel Zeit damit verbracht habe zu spielen. Nachdem Leute angefangen haben mich zu bemerken, war es vermutlich auch das, was meinen einzigartigen Stil und meine Fähigkeiten bestimmt hat. Dann kam eine Zeit, in der nichts, was ich tat, neu war. In der ich nicht das Gefühl hatte kreativ zu sein. Ich wollte mich nicht mehr pushen, ich wollte nur rollen und ich verbrachte ein paar Jahre damit nur zu rollen und mit unterschiedlichen Floor moves zu spielen. Ich fühle, dass ich nun wieder kreativ bin. Es tut gut Unterricht in unterschiedlichen Bewegungsformen zu nehmen und der beste Weg ist, das, was man normalerweise tut, einfach mal anders zu machen. Auch wenn man nichts neues auf der Welt mehr erfindet, es ist neu für dich und möglicherweise ein neuer Stil oder ein neuer Ansatz in einer durchschnittlichen Bewegung. Es ist ein nie endender Prozess.

  1. Wie sieht eine typische Woche im Leben einer professionellen Pole Dancerin aus?

Das ist sehr unterschiedlich! Wenn ich auf Tour bin, kann eine Woche bedeuten, dass ich 3 bis 6 verschiedene Länder sehe und ständig in Flugzeuge, Züge, Busse und Taxis ein- und aussteige. Ich sehe viele Studios und neue Gesichter und gebe eine Menge Unterricht. Gerade bin ich Zuhause und voll im Trainingsmodus. Ich arbeite ein paar Tage die Woche und verbringe meine Freizeit mit den Vorbereitungen für MPDA. Also momentan bin ich 4-6 Tage die Woche im Studio und ich konzentriere mich wirklich auf eine spezielle Choreografie. Wenn ich mich nicht auf eine Meisterschaft vorbereite, dann würde ich mehr Zeit mit anderen Dingen wie Breakdance, Capoeira, Floorwork, Handstand, Luftakrobatik und was sich sonst als Training anfühlt, verbringen.

  1. Du bist schön gelenkig. Wie hast du das erreicht und was ist deine Methode?

Das ist eine Illusion, haha. Viele meiner Gelenke haben eine sehr begrenzte Mobilität, wie beispielsweise meine Ellbogen, Handgelenke, Knie und Knöchel. Meine Schultern erfordern eine enorme Menge an ständiger Pflege und ich würde sie definitiv als „high maintenance“ beschreiben. Ich habe von Geburt an ein paar Geschenke mitbekommen und verfüge beispielsweise über eine gute Ur-Hocke, einen gelenkigen Rücken (der mich leider mit dem Alter langsam verlässt) und einen mobilen Brustkorb. Ich versuche meine Geschenke zu betonen und habe sehr hart für meinen Spagat gearbeitet. Durch meine langjährige Pole Praxis fühle ich mich in gewissen Tricks inzwischen sehr wohl und kann mich voll auf meine Linien konzentrieren. Es ist wirklich schwierig für mich, und auch für gelenkige Menschen, ohne eine erhebliche Menge an Pole Training die volle Verlängerung zu erreichen.

  1. Was ist sind deine Lieblings Pole Sachen und Pole Heels?

Dies ist sehr einfach. Ich bin ein Markenbotschafterin für Bad Kitty und trage seit 2012 ihre Kleidung. Ich liebe vor allem Pole Fit. Noch wichtier jedoch – sie sind für mich wie Familie. Ich kann bei betriebswirtschaftlichen Problemen auf sie zugehen oder einfach so für einen Besuch vorbeigehen. Ich betrachte sie als enge Freunde. Meine Lieblingsschuhe sind Pleasers. Die haben eine große Auswahl und werden auch über die Bad Kitty Webseite vertrieben, was für mich natürlich ein Win-Win ist :)

  1. Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Meine Pläne für die Zukunft sind, dazu zu lernen und so viel wie möglich zu wachsen. Je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, dass ich nicht immer Pole Dancen können werde und schon gar nicht mit meinem Stil. Ich habe vor so viel Zeit wie möglich mit den verschiedensten Formen der Bewegung wie beispielsweise Kampfsport, Capoeira, Yoga, Breakdance, Hand Balancing und kulturellen Tänze zu verbringen. Ich finde Inspiration in der Erde, der Physik, wie der Verstand funktioniert, Mechanik, Kunst und Wissenschaft und ich bemerke Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Ich möchte alles aufsaugen und meine Erfahrung dann teilen. Das ist mein Plan.

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Vielen Dank, Nadia, dass du dir Zeit für uns genommen hast.