Diesen Monat hat die wundervolle Yvonne Smink 10 Fragen beantwortet.

Ich muss gestehen, dass ich erst vor kurzem auf Yvonne aufmerksam geworden bin. Wir haben gemeinsam einen Workshop von Heidi Coker besucht und erst danach habe ich mich ein bisschen mehr mit ihr beschäftigt. Es ist zudem schwer etwas über Yvonne in Erfahrung zu bringen und mit voller Sicherheit, kann ich nur sagen, dass sie 2011 mit Pole begonnen und 2014 mit dieser legendären Choreografie die niederländischen Meisterschaften gewonnen hat.

Mich beeindruckt Yvonne zutiefst mit ihrem unverwechselbaren Stil. Ihre Choreografien wirken beinahe überirdisch, denn ihre Musik ist stets unkonventionell und ihre Moves scheinen keinem bekannten Pole-Dictionary entsprungen zu sein. Auch ihr Floorwork basiert auf meist völlig neuartigen Bewegungen und es wäre mir unmöglich Yvonne’s Stil zu kategorisieren. Fakt ist, bei Yvonne’s Choreografien bleibt mir der Mund vor Staunen offen stehen, denn ihre Kraft scheint schier endlos zu sein. Fragen wir sie doch einmal, wie sie das so macht:

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  1. Es gibt ja die verrücktesten Geschichten, wie die Leute zum Pole gekommen sind. Ich habe gelesen, dass du mit einer Freundin im Club warst, wo es eine Stange gab und einfach nicht mehr aufhören konntest. Wie ist dein Pole-Werdegang bis du 2014 die niederländischen Meisterschaften gewonnen hast?

Zuerst einmal, vielen Dank, dass du mich interviewst, Lydia! Ich fühle mich geehrt. Vor 2014, habe ich einfach richtig viel trainiert. Und mit richtig viel meine ich RICHTIG VIEL. Ich habe jede freie Minute mit Pole-Training verbracht (und tue dies immer noch :)). Es gibt dieses berühmte Zitat: harte Arbeit schlägt Talent, wenn Talent nicht hart arbeitet und ich denke, dieses Zitat beschreibt mich ziemlich gut. Ich finde nicht, dass ich übermäßig talentiert zum Pole Dance bin, aber ich habe einfach sehr hart daran gearbeitet, da zu sein, wo ich heute bin.

2012 habe ich eine Stange bei mir Zuhause aufgestellt, einen Spiegel an die Wand gehängt und YouTube angemacht. Von da an, habe ich immer wieder probiert, bin gescheitert, habe es erneut versucht und all die Möglichkeiten erforscht, die mein Körper mir bietet. Im selben Jahr gewann ich die nationale Meisterschaft. Die Leute in meinem Land (Niederlande) kennen mich allerdings erst richtig, seit ich 2013 an der Fernseh-Show Everybody Dance Now teilnahm und es bis ins Finale schaffte. Bei dieser Show hatte ich auch ersten Kontakt mit Tanz. Bis dahin übte ich nur isoliert Figuren, die ich auf Youtube gesehen habe. Ich trainierte diese zwar mit Musik, aber immer noch auf einer sehr sportliche, fitness-artige Weise. In der Show jedenfalls sah ich auf einmal all diese faszinieren Tanzauftritte aus nächster Nähe und ich begriff auf einmal Ich bin eine Pole TÄNZERIN, nicht Pole SPORTLERIN. Ich fing also an Freestyle, Tanz-, Figuren- und Hip-Hop-Unterricht zu nehmen. Den Rest meiner Geschichte kennt ihr ja. 

  1. Wie entscheidet man sich an einer Pole-Meisterschaft teilzunehmen? Hast du kein Lampenfieber und was war für dich der Schlüsselmoment, in dem du entschieden hast, dass du deine Pole-Karriere hauptberuflich verfolgen willst?

Interessante Frage. Niemand hat mich je nach dem Grund gefragt, warum ich an Meisterschaften teilnehme. Ich betrachte mich eigentlich als eine Art Pole Dance Hippie: Meine Platzierung in Wettkämpfen bedeutet mir gar nichts. Ich bin nicht motiviert die Nr. 1 zu sein, denn ich denke, dass man nichts daraus gewinnt besser zu sein als jemand anderes. Die Nr. 1 zu sein sagt nichts über dich oder deine Leistung aus und ist am Ende auch nur eine Nummer, die dir von Leuten hinter einem Tisch vergeben wird. Im Grunde nehme ich an Meisterschaften teil, weil ich eine Bühne suche, um meine Tanz/Kunst mit dem Publikum, der Pole-Community und der Welt zu teilen. Da es keine Showcases für Pole Dance gibt, tue ich das eben durch Wettkämpfe.

Es gab keinen richtigen Schlüsselmoment, in welchem ich mich entschieden habe Pole hauptberuflich zu betreiben. Pole übernahm einfach nach und nach mein Leben, LOL. Ich hatte noch eine ganze Weile lang einen anderen Job, aber ich habe es irgendwann zeitlich nicht mehr geschafft meine eigene Pole-Schule zu führen, Unterricht in ganz Europa zu geben und trotzdem noch für mich selbst zu trainieren. Also habe ich vor einem Monat beschlossen meinen anderen Job aufzugeben und bin noch nie glücklicher gewesen.

  1. Vor dem Pole Sport bist du geklettert. Die meisten Leute kommen ja eher aus dem Tanz oder der Akrobatik. Inwiefern hat dir dein Kletter-Hintergrund beim Pole geholfen? Ist das der Grund, dass du einfach keine Angst vor gefährlichen Moves in großer Höhe zu haben scheinst?

Es kann schon sein, dass ich durch klettern weniger Angst vor der Höhe habe; auch wenn ich nicht denke, dass eine Pole hoch ist (4 Meter ist nicht wirklich viel!). Trotzdem habe ich immer noch ein konventionelles Verständnis von Angst und ich trainiere meine Figuren immer auf Sicherheit, mit einer Matte oder meide zu riskante Tricks ganz. Auch verwende ich nur Tricks bei den Meisterschaften, die mein Körper gut kennt und sicher ausführen kann.

Klettern hat mir sicherlich mit Pole geholfen. Ich entdecke oft Ähnlichkeiten zwischen der Körperbeherrschung im Pole und beim Klettern. Beide Sportarten erfordern Berührungspunkte, Balance, Körperspannung und Kraft. Die größte Ähnlichkeit für mich liegt allerdings in der Bewegungstherapie. (Dies ist auch ein Grund, warum ich mit Pole angefangen habe). Bei Pole kann ich mein Gehirn abschalten, an nichts denken und einfach nur das Gefühl der Bewegung genießen. Beim Klettern ist es das Gleiche. Es gibt nur mich und die Wand: ziehen, drücken, erneut greifen, ziehen, niemals loslassen. Zum Pole mache ich mir Musik an und dann gibt es nur mich, die Stange, den Boden, die Decke und alle Bewegungen, die dazwischen möglich sind. Ich liebe dieses magische Gefühl der Bewegungstherapie und ich bin süchtig danach, wie ihr sicherlich schon bemerkt habt. 

  1. Klettern setzt vielleicht nicht das gleiche Maß an Gelenkigkeit voraus, wie Tanz oder Akrobatik. Wie hast du es geschafft trotzdem so gelenkig zu werden? Was sind deine Tipps?

Wow, du bist tatsächlich mit die Erste, die denkt, dass ich gelenkig bin. Ich selbst halte mich nicht für besonders gelenkig und finde meinen Spagat schrecklich. Ich bin hauptsächlich durch Wiederholung gelenkig geworden. Einfach, aber langweilig. Als ich mit Dehnen anfing, war ich bereits etwas älter (22) und ich hatte vorher eine Menge Outdoor-Sport (Mountainbike) betrieben, der meine Muskeln verkürzte. Aus diesem Grunde zwinge ich auch heute meinen Körper nicht zu verrückten Flexibilitäts-Figuren. Ich habe einige tolle Dehnungen, welche auf Yoga basieren, die mein Körper wirklich mag und bei denen ich Verbesserungen beobachten kann. Was mir auch wirklich geholfen hat und was ich jedem nur empfehlen kann, ist, sich einen professionellen Dehnungs-Plan von beispielsweise Bendy Kate, Marco Oranje oder Jakub Kolasa erstellen zu lassen. Der Plan ist dann speziell auf euren Körper zugeschnitten, denn jeder Körper braucht eine individuelle Herangehensweise.

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  1. Fitnesstudios sind dir zu langweilig. Was sind deine drei Top-Kraft-Moves, die du an der Stange absolvierst, um Kraft aufzubauen?

Fitness-Studios sind gut für euch! Aber ich habe nicht wirklich (oder nehme mir keine) Zeit, um eins zu besuchen. Ich baue Kraft auch nicht durch Wiederholungen auf. Wenn ich einen neuen Kraft-Move probiere, dann trainiere ich den ein paar Mal pro Training, sodass er letztendlich besser wird. Hauptsächlich aber trainiere ich spielend. Worauf ich allerdings sehr großen Wert lege ist das Training auf beiden Seiten. Ich bin da auch immer streng mit meinen Schülern. Ich mache also Fahne, Lifts und dynamische Tricks auf beiden Seiten und immer in Kombination mit anderen Bewegungen. Ich gebe euch gern Ratschläge, wie ihr einen speziellen Kraft-Move aufbauen könnt. Ich kenne viele Übungen, die euch da hin führen können, doch es hängt wirklich davon ab, wie kräftig ihr bereits seid, welche Figure genau ihr lernen wollt und was euer Körper bereits an Bewegungen kennt. Komm doch mal zum Training vorbei, Lydia.

  1. In deiner Pole-Tasche befindet sich immer …

EINE MENGE. Ich bin berühmt für meine riesige Tasche (die ist wirklich fast so groß wie ich). Sie ist voll mit Sachen, die ich nicht wirklich brauche, aber von denen ich überzeugt bin, dass ich sie eines Tages brauchen werde. Ich schleppe jeden Tag eine riesige Kletter-Tasche mit mir herum und sie enthält immer Dryhands (welches ich jedes Mal verliere; Warum sind diese Dinge nur so verdammt winzig?), ein kleines Buch, um mir meine Pole-Figuren aufzuschreiben (in welches ich nie einen Blick werfe) und einige kurze Hosen (Ich liebe RAD Pole wear. Die haben wirklich tolle Sachen!). 

  1. Da du auch kein großer Fan von Protein-Shakes und -Pulver bist, worauf achtest du besonders bei deiner Ernährung?

Jedes Mal, wenn mich jemand nach meiner Ernährung fragt, denke ich sofort Mist. Ich sollte mehr auf meine Ernährung achten. Der Plan ist, dass ich eines Tages mal zu einem Ernährungsberater gehe, aber das ist bisher leider noch nicht geschehen. Trotzdem bin ich beim Thema Ernährung ziemlich gut belesen. Ich habe haufenweise Bücher über Ernährung gelesen, ich folge vielen Blogs und ich habe eine Weile in einem Gesundheitszentrum gearbeitet. Ich lese auch deinen Blog sehr gern für all die tollen Rezepte. Ich weiß also ziemlich gut, was meinem Körper gut tut und was nicht. Ich denke jeder hat einen guten gesunden Menschenverstand und weiß, was gesund ist und was nicht. Ich selbst habe eine dezente Haferflockensucht und esse jeden Tag Avocado, Nüsse, Joghurt und Früchte.

  1. Wie findest du einen neuen Move? Mir fällt an deinem Stil besonders auf, dass du den Zuschauer stets überraschst und deine Moves nie mit einem Move anschließt, den man erwarten würde. Wie sorgst du dafür, dass dir deine Kreativität nie ausgeht?

Neue Moves nehmen viel Trainingszeit in Anspruch. Normalerweise bin ich an einem ruhigen Ort (Zug, Dusche, Wald), wenn ich plötzlich denke, WAS WÄRE, WENN ICH … (füge verrückte Combo hier ein). Die verrückte Combo stellt sich dann natürlich meist als unmöglich heraus, doch in dem Schaffungs-Prozess, entwerfe ich dann eine einfachere Version davon. Was auch hilft, ist Musik anzumachen und zu freestylen. Wenn ich nicht nachdenke und mich nur dem Flow der Bewegungen hingebe, dann passieren manchmal sehr interessante Dinge. Ich versuche jedenfalls nicht neue Figuren zu erzwingen und ich betrete das Studio nie mit dem Druck OMG, ICH MUSS ETWAS KREIEREN!!! Ich denke, wenn ihr im Kopf die richtige Einstellung habt und offen dafür seid auch mal einen Schritt zurück zu gehen und Figuren aus einer anderen Perspektive zu betrachten, dann werdet ihr wachsen und Fortschritt bemerken. Ich schaue nie meine Online-Videos an, aber wenn ich meine Bewegung im Spiegel sehe, dann hole ich manchmal tief Luft und bewundere mein geistiges und körperliches Wachstum. (füge stolzen Moment hier ein).

  1. In der Zeit von Youtube, Facebook, etc. Wie sorgst du dafür, dass du deinem eigenen Stil treu bleibst?

Ich weiß nicht, wie andere Pole-Tänzer das tun, aber ich bin einfach zu beschäftigt, um Figuren von anderen Leuten zu versuchen. Wenn ich etwas interessantes oder cooles online sehe, dann mache ich in der Regel Screenshots. Ich denke dann diesen Natasha Wang / Heidi Coker / Vladimir Karachunov-Trick muss ich unbedingt mal probieren und habe dann alles beim nächsten Training vergessen. Ich hoffe, dass ich in dieser Hinsicht in Zukunft vielleicht mal strukturierter werde … Auch hat mein Körper seine Grenzen. Ich werde nie einen Rainbow oder einen Eagle machen (obwohl ich es natürlich schon ein oder zwei Mal versucht habe). Aber ich baue diese verrückten Tricks nicht in jedes Training ein. Ich sehe mir Mittelstufe-Tricks von Zeit zu Zeit online an, um für meine Schüler daraus interessante Kombination zu kreieren. Ich denke, als Lehrer sollte man immer auf einem aktuellen Stand sein und wissen was so in der Pole-Welt los ist.

  1. Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte die Welt entdecken. Ich liebe es Menschen mit der gleichen Leidenschaft für Pole zu treffen, wie ich. Es ist erstaunlich, wie Pole Dance mich an Orte gebracht hat, die ich vorher noch nie gesehen habe. Mein Plan ist es das Leben in vollen Zügen zu genießen, dankbar sein für das, was mir auf meinem Weg geschieht und zu gehen, wohin der Wind mich treibt. Danke, dass du mich interviewt hast, Lydia. Ich bin sicher, ich werde dich irgendwo in der Welt noch einmal wiedertreffen!

Yvonne, wir danken dir für diese poetischen letzten Worte! Dieses Interview war auf jeden Fall wieder sehr inspirierend und man sieht sich sowieso immer zwei Mal im Leben. 

Wie hat euch das Interview gefallen? Stimmt ihr mit Yvonne überein, dass harte Arbeit Talent im Zweifelsfall schlägt? Was denkt ihr über ihre Einstellung zu Fitnessstudios und Essen? Kennt ihr das kleine Dryhand-Problem? Wenn ihr außerdem Fragen habt, die ihr schon immer einmal einem Pole-Profi stellen wolltet, dann hinterlasst mir einen Kommentar und ich versuche das in mein nächstes Interview einzubauen. Xxx

(Photography: courtesy of PixCel.fr – Caroline from PixCel is a French photographer based in the Netherlands, specialized in Pole Dance Photography – she loves creating creative images involving aerial arts. Check out her Facebook page)